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Islamismus hat keine Herkunft

Wie Deutschland eine Leerstelle entstehen ließ, die andere füllten.

Wenn über Islamismus gesprochen wird, dauert es meistens nicht lange, bis die Debatte bei Herkunft und Migration landet. Dann geht es um Araber, Türken, Geflüchtete oder ganz allgemein um „die Muslime“. Für die einen ist Islamismus ein Problem, das durch Einwanderung nach Deutschland gekommen ist. Für die anderen ist bereits diese Feststellung rassistisch.

Beide Perspektiven greifen zu kurz.

Islamismus ist keine Ethnie. Er liegt nicht in der Hautfarbe eines Menschen, nicht in seinem Namen und auch nicht in der Herkunft seiner Eltern. Trotzdem verbreiten sich Ideologien nicht von allein. Sie werden von Menschen getragen durch Organisationen, Prediger, Bücher, politische Netzwerke und persönliche Beziehungen.

Deshalb müssen wir über die Geschichte des Islamismus in Deutschland sprechen. Aber wir müssen es tun, ohne Menschen mit vollkommen unterschiedlichen Biografien unter Begriffen wie „Migranten“ oder „Muslime“ zu einer einheitlichen Gruppe zu machen.

Denn mein Vater und ein politisch geschulter Funktionär der Muslimbruderschaft mögen beide aus einem muslimisch geprägten Land nach Deutschland gekommen sein. Ihre Voraussetzungen, ihre Ziele und ihre Rolle in der Gesellschaft waren dennoch völlig verschieden.

Mein Vater kam, um zu arbeiten

Mein Vater kam 1963 aus Marokko nach Deutschland. Er hatte nie eine Schule besucht und kam weder als politischer Funktionär noch als Religionsgelehrter. Er kam, um zu arbeiten.

Im selben Jahr schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit Marokko. Wie viele andere sogenannte Gastarbeiter wurde mein Vater vor allem wegen seiner Arbeitskraft gebraucht. Deutschland suchte Menschen für körperlich schwere und häufig schlecht angesehene Tätigkeiten in der Industrie. Mit ihnen als dauerhafte Bürgerinnen und Bürger plante man zunächst nicht.

Sie wurden Gäste genannt, obwohl viele von ihnen den Rest ihres Lebens hier verbringen sollten.

Ein Gast bleibt normalerweise nicht. Er gründet hier keine Familie, bekommt keine Kinder und Enkelkinder und baut sich keine dauerhafte Zukunft auf. Doch genau das geschah. Die Menschen blieben, holten ihre Familien nach und wurden Teil dieses Landes, lange bevor Deutschland bereit war, sich selbst als Einwanderungsland zu verstehen.

Deutschland hatte Arbeitskräfte gerufen. Angekommen waren Menschen.

Mit ihrer religiösen, gesellschaftlichen und politischen Orientierung beschäftigte sich der Staat dagegen kaum. Man benötigte ihre Arbeit, ging aber lange davon aus, dass ihre Anwesenheit nur vorübergehend sein würde. Eine nachhaltige Integrationspolitik, die auch Fragen der Zugehörigkeit und des religiösen Lebens berücksichtigte, entstand erst sehr spät.[1]

Das hatte Folgen.

Nicht alle Einwanderer kamen mit derselben Geschichte

Wenn wir heute über Migration sprechen, verschwinden die enormen Unterschiede zwischen den Menschen häufig hinter einem einzigen Begriff.

Auf der einen Seite standen Arbeiter wie mein Vater. Viele sprachen kaum Deutsch, verfügten über wenig formale Bildung und hatten nur begrenzten Zugang zu den politischen, akademischen und gesellschaftlichen Institutionen dieses Landes. Sie arbeiteten in Fabriken, im Bergbau, auf Baustellen oder in anderen körperlich belastenden Berufen.

Auf der anderen Seite kamen auch Studierende, Akademiker, politische Oppositionelle und religiöse Funktionäre nach Europa. Unter ihnen waren Menschen, die vor Diktaturen flohen, weil sie frei und demokratisch leben wollten. Es gab aber auch Anhänger autoritärer religiöser Bewegungen, die von den Regimen ihrer Herkunftsländer verfolgt wurden.

Denn politische Verfolgung ist noch kein demokratisches Gütesiegel.

Auch der Gegner eines Diktators kann eine Gesellschaft anstreben, in der andere Menschen nicht frei leben dürfen. Ein Mensch kann vom syrischen Assad-Regime verfolgt worden sein und trotzdem selbst eine religiös-autoritäre Ordnung vertreten.

Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn wir über die Entwicklung islamistischer Strukturen in Deutschland sprechen.

Die Geschichte begann früher als viele denken

Islamistische Strukturen kamen nicht erst mit den späteren Fluchtbewegungen nach Deutschland. Bereits Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre wurden in Westdeutschland Organisationen aufgebaut, die später für das Umfeld der Muslimbruderschaft eine wichtige Rolle spielten.

1958 entstand in München eine Moscheebaukommission, aus der sich später die Islamische Gemeinschaft in Deutschland entwickelte. Der ägyptische Muslimbruder Said Ramadan, Schwiegersohn des Gründers der Muslimbruderschaft Hasan al-Banna, gehörte zu den wichtigen Akteuren beim Aufbau des Islamischen Zentrums München. Auch Issam al-Attar, eine führende Persönlichkeit der syrischen Muslimbruderschaft, lebte später in Deutschland und prägte insbesondere das Islamische Zentrum Aachen.[2]

Das bedeutet nicht, dass jeder arabische Exilant, jede Moschee oder jede religiöse Organisation islamistisch war. Eine solche Pauschalisierung wäre nicht nur falsch, sondern würde genau den Denkfehler wiederholen, den dieser Beitrag kritisiert.

Es bedeutet aber, dass sich unter den Menschen, die in Europa Schutz und neue Handlungsmöglichkeiten fanden, auch politisch gut organisierte Islamisten befanden. Sie kamen mit religiösem Wissen, politischen Vorstellungen, internationalen Kontakten und Erfahrungen im Aufbau von Organisationen.

In Syrien verschärfte sich der Konflikt zwischen dem Assad-Regime und der Muslimbruderschaft vor allem ab Ende der 1970er-Jahre. 1982 wurde der Aufstand in Hama vom Regime mit extremer Gewalt niedergeschlagen. Tausende Menschen wurden getötet, die syrische Muslimbruderschaft wurde im Land weitgehend zerschlagen und Teile ihrer Führung und Strukturen verlagerten sich ins Ausland.[3]

Die Verbrechen des Assad-Regimes müssen klar benannt werden. Menschen wurden verfolgt, gefoltert und getötet. Doch die brutale Verfolgung einer islamistischen Organisation macht deren eigene politischen Ziele nicht automatisch demokratisch.

Der Gegner meines Gegners ist nicht automatisch ein Demokrat.

Wenn religiöses Wissen zu Macht wird

In Deutschland trafen damit teilweise Menschen aufeinander, deren Voraussetzungen kaum unterschiedlicher hätten sein können.

Da war auf der einen Seite ein Mann wie mein Vater. Ohne Schulbildung, ohne politisches Netzwerk und ohne institutionelle Macht. Er musste sich in einem Land zurechtfinden, dessen Sprache, Regeln und Behörden ihm zunächst fremd waren.

Und auf der anderen Seite standen Menschen, die politisch und religiös geschult waren. Sie konnten den Koran eindrucksvoll rezitieren, kannten zahlreiche Aussagen und Überlieferungen über den Propheten und konnten für beinahe jede Frage eine religiöse Antwort anbieten.

Für Menschen, die selbst nur begrenzten Zugang zu religiöser Bildung hatten, muss das beeindruckend gewesen sein. Wer die religiösen Texte scheinbar auswendig kennt, wirkt zunächst wie jemand, der die Wahrheit kennt.

Dabei geht es nicht darum, Menschen ohne Schulbildung als dumm oder willenlos darzustellen. Mein Vater war nicht dumm. Viele Angehörige dieser Generation verfügten über enorme Lebenserfahrung, praktische Fähigkeiten und eine Widerstandskraft, die kaum gewürdigt wird. Sie bauten sich mit sehr wenig Unterstützung ein Leben in einem fremden Land auf und hielten ihre Familien zusammen.

Trotzdem schafft Wissen Macht.

Wer nicht lesen kann, kann Bücher und Quellen nicht selbst überprüfen. Wer die arabische Hochsprache nicht beherrscht, kann nicht ohne Weiteres kontrollieren, ob eine Übersetzung oder religiöse Erklärung korrekt ist. Wer kaum Zugang zu anderen Ansprechpartnern hat, ist stärker von den Menschen abhängig, die als religiöse Autoritäten auftreten.

Es kommt daher nicht nur darauf an, wie viel religiöses Wissen jemand besitzt. Entscheidend ist, wie dieses Wissen eingeordnet und wofür es verwendet wird. Welche Texte werden ausgewählt? Welche Fragen dürfen gestellt werden? Welche politischen Vorstellungen werden als angeblich göttliche Wahrheit dargestellt?

Wer die Religion erklärt, kann irgendwann auch bestimmen, was als richtiges muslimisches Leben gilt.

Genau darin liegt Macht.

Deutschland hatte nicht nur keine Alternative

Eigentlich müsste man genauer sagen: Deutschland hatte nicht nur kaum eine Alternative zu diesen religiösen Autoritäten. Deutschland hatte über lange Zeit überhaupt kein ernsthaftes Konzept.

Die angeworbenen Menschen sollten arbeiten. Was sie glaubten, wer ihre religiösen Ansprechpartner waren und welche Vorstellungen ihren Kindern vermittelt wurden, interessierte den Staat zunächst nur wenig.

Natürlich entstanden viele Moscheegemeinden aus einem echten Bedürfnis heraus. Menschen brauchten Räume zum Beten, Orte für Hochzeiten und Beerdigungen und Gemeinschaften, in denen sie ihre Sprache sprechen konnten. Moscheen waren und sind deshalb nicht nur Gebetsorte. Sie sind soziale Treffpunkte, Orte der gegenseitigen Unterstützung und häufig auch der religiösen Bildung.[4]

Das muss klar gesagt werden.

Nicht jede Moschee war islamistisch. Nicht jeder Imam verfolgte eine politische Agenda. Nicht jede konservative Gemeinde war Teil eines extremistischen Netzwerkes.

Aber Deutschland überließ den Aufbau muslimischen Lebens weitgehend den Zugewanderten selbst, religiösen Verbänden, Herkunftsstaaten und bereits organisierten politischen Akteuren. Während der deutsche Staat noch davon ausging, die sogenannten Gastarbeiter würden irgendwann zurückkehren, bauten andere längst dauerhafte Strukturen auf.

Sie gründeten Gemeinden, veröffentlichten Bücher, organisierten religiösen Unterricht und entschieden mit darüber, welche Prediger eingeladen wurden und welche Stimmen innerhalb muslimischer Communitys als glaubwürdig galten.

Liberale, progressive oder unabhängig organisierte muslimische Stimmen entstanden teilweise deutlich später. Sie trafen auf Strukturen, die bereits seit Jahrzehnten bestanden und über Gebäude, Kontakte und Verbandsmacht verfügten.[5]

Deutschland hatte die religiöse Orientierung eines wachsenden Teils seiner Bevölkerung anderen überlassen. Einige dieser Akteure wussten diese Leerstelle sehr gut zu nutzen.

Es ging nicht nur um Religion

Islamistische Bewegungen bieten Menschen nicht nur Regeln und religiöse Antworten an. Sie bieten auch Identität, Gemeinschaft und eine klare Erzählung darüber, wer man ist und zu wem man gehört.

Sie sagen einem Menschen nicht nur, was erlaubt und was verboten ist. Sie erklären ihm auch, warum er sich in Deutschland fremd fühlt.

Du bist nicht allein.

Du bist Teil der Umma.

Du gehörst zu einer weltweiten muslimischen Gemeinschaft.

Diese Gesellschaft wird dich niemals wirklich akzeptieren.

Der Westen möchte, dass du deine Religion und Identität aufgibst.

Solche Botschaften können besonders stark wirken, wenn ein Mensch ohnehin das Gefühl hat, nicht dazuzugehören. Die tatsächliche Erfahrung von Ausgrenzung wird dabei in eine politische Welterklärung eingebaut: Nicht einzelne Menschen hätten Vorurteile, sondern die gesamte Gesellschaft sei angeblich gegen den Islam und gegen Muslime gerichtet.

Ich kenne das Gefühl, zwischen solchen Erzählungen zu stehen.

„Nicht ohne meine Tochter“

Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind den Film „Nicht ohne meine Tochter“ gesehen habe.

Es geht mir nicht darum, die konkrete Geschichte der Frau zu bestreiten. Es geht auch nicht darum, Gewalt oder die Unterdrückung von Frauen im Iran zu relativieren. Es geht darum, was bei mir als Kind ankam.

Ich sah eine muslimische Welt, in der Männer brutal, rückständig und gefährlich waren. Eine Welt, vor der sich westliche Menschen schützen mussten. Obwohl ich weder aus dem Iran stammte noch die Geschichte des Films etwas mit meiner Familie zu tun hatte, entstand bei mir ein klares Gefühl:

Menschen wie wir sind hier nicht gewollt.

Vielleicht war das nicht die beabsichtigte Aussage des Films. Aber es war die Botschaft, die mich erreichte. Ich konnte als Kind nicht sauber zwischen Iran, Marokko, Religion, Kultur, Islam und Islamismus unterscheiden. Ich sah Menschen, die als muslimisch wahrgenommen wurden, und verstand, dass sie offenbar für etwas Bedrohliches standen.

Auf der einen Seite begegnete mir also die Botschaft: Du bist anders. Du gehörst zu einer problematischen Kultur. Du bist Teil von etwas, vor dem man sich fürchten muss. Auf der anderen Seite standen religiöse Stimmen, die sagten: Sie werden dich niemals akzeptieren. Du gehörst nicht zu ihnen. Du gehörst zu uns.

Heute weiß ich, dass beide Erzählungen zu einfach waren. Doch ein Kind verfügt noch nicht über die Möglichkeit, solche Bilder historisch einzuordnen und politisch zu hinterfragen. Ein Kind möchte zunächst wissen, wo es hingehört. Genau diese Frage wurde viel zu lange anderen überlassen.

Rassismus erschafft keinen Islamisten

Es wäre trotzdem zu einfach, Islamismus ausschließlich mit Rassismus, Ausgrenzung oder fehlender Integration zu erklären. Niemand wird automatisch zum Islamisten, weil er einen diskriminierenden Film gesehen hat oder in Deutschland nicht als gleichwertig wahrgenommen wurde.

Millionen Menschen erleben Rassismus, ohne deshalb die Freiheit anderer ablehnen zu wollen. Sie entscheiden sich nicht für eine autoritäre Ideologie und wollen anderen Menschen keine religiösen Regeln aufzwingen.

Das muss ebenfalls klar gesagt werden.

Islamistische Organisationen tragen Verantwortung für ihre Ideologie. Sie entscheiden sich bewusst dafür, gesellschaftliche Konflikte religiös umzudeuten. Sie greifen reale Verletzungen und Ausgrenzungserfahrungen auf und bauen daraus die Erzählung, Muslime könnten in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft niemals wirklich dazugehören.

Rassismus ist deshalb nicht die Ursache des Islamismus.

Aber er kann zum Katalysator werden.

Islamistische Akteure nehmen eine reale Verletzung und bieten dafür ein falsches Heilmittel an. Sie sagen nicht: Lass uns dafür kämpfen, dass du gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft wirst. Sie sagen: Diese Gesellschaft ist nicht deine. Zieh dich zurück. Vertraue nur uns und folge unseren Regeln. Die Verletzung kann real sein. Das angebotene Heilmittel ist trotzdem ein ideologisches Gefängnis.

Islamismus ist kein arabisches Problem

Islamismus ist weder eine arabische, türkische, marokkanische noch pakistanische Eigenschaft. Er ist eine politische Ideologie.

Sein gemeinsamer Kern besteht in der Vorstellung, dass der Islam nicht nur das persönliche Leben eines gläubigen Menschen prägen soll, sondern auch Gesellschaft, Recht und Politik bestimmen müsse. Dabei existieren unterschiedliche islamistische Strömungen. Einige setzen auf langfristige gesellschaftliche Einflussnahme, andere legitimieren oder nutzen Gewalt.[6]

Ein Islamist kann aus Syrien stammen, aus Marokko, der Türkei oder Bosnien. Er kann aber genauso ein deutscher Konvertit sein, dessen Familie zuvor keinerlei Verbindung zum Islam hatte.

Ideologien werden nicht wie Augenfarben vererbt.

Sie werden vermittelt durch Familien, Freundeskreise, Prediger, Bücher, Vereine, Videos und heute vor allem durch soziale Medien. Eine Ethnie besitzt kein politisches Programm. Eine Hautfarbe lehnt keine Demokratie ab. Ein arabischer Name fordert keine religiöse Staatsordnung.

Menschen tun das aufgrund ihrer Überzeugungen.

Genau deshalb ist es falsch, Islamismus über Herkunft erklären zu wollen.

Die bequeme Erzählung der einen Seite

Für manche Menschen ist die Sache trotzdem einfach: Die Migranten haben das Problem mitgebracht. Doch welche Migranten sind damit gemeint?

Mein Vater, der nie eine Schule besucht hatte und nach Deutschland kam, um zu arbeiten? Die syrische Familie, die sowohl vor Assad als auch vor islamistischen Gruppen geflohen ist? Oder das Kind, das in Deutschland geboren wurde und das Herkunftsland seiner Großeltern nur aus dem Urlaub kennt?

Wer all diese Menschen unter einen gemeinsamen Verdacht stellt, erklärt nicht den Islamismus. Er erklärt eine Herkunft zum Problem.

Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch analytisch falsch. Während der Blick auf Namen, Hautfarben und Abstammung gerichtet ist, geraten die tatsächlichen politischen Vorstellungen aus dem Blick.

Ein arabisch klingender Name macht einen Menschen nicht islamistisch.

Ein deutscher Name macht ihn nicht demokratisch.

Die bequeme Erzählung der anderen Seite

Aber auch innerhalb muslimischer und antirassistischer Debatten existiert eine bequeme Erzählung. Danach ist jede Kritik an islamistischen Organisationen oder konservativ-religiösen Machtstrukturen lediglich ein Angriff auf Muslime.

Jede Auseinandersetzung mit problematischen Predigern, Büchern oder Verbänden wird dann vorschnell als rassistisch abgewehrt. Die gesamte Verantwortung wird dem deutschen Staat oder der Mehrheitsgesellschaft zugeschoben.

Auch das reicht nicht.

Deutschland hat schwere Fehler gemacht. Es hat Menschen als Arbeitskräfte behandelt und ihre dauerhafte Zugehörigkeit lange ignoriert. Es hat religiöse Strukturen anderen Staaten, Organisationen und Verbänden überlassen. Es hat antimuslimische Bilder verbreitet oder zumindest gesellschaftlich zugelassen und viel zu spät verstanden, dass die Kinder der Gastarbeiter keine Gäste waren.

Aber Deutschland hat die Ideologie der Muslimbruderschaft nicht erfunden. Deutschland hat niemanden gezwungen, Demokratie, Gleichberechtigung oder sexuelle Selbstbestimmung als unislamisch abzulehnen. Rassismuserfahrungen rechtfertigen nicht, anderen Menschen ihre Freiheit abzusprechen. Mehrere Dinge können gleichzeitig wahr sein.

Deutschland kann schwere Fehler gemacht haben. Islamistische Organisationen können diese Fehler bewusst genutzt haben. Moscheegemeinden können Menschen Gemeinschaft und Halt gegeben und gleichzeitig problematische Lehren verbreitet haben.

Und ein Mensch kann Opfer von Rassismus sein und dennoch selbst menschenfeindliche Positionen vertreten.

Diese Gleichzeitigkeit auszuhalten, ist anstrengend. Ohne sie werden wir das Problem aber nicht verstehen.

Verantwortung ist kein Kuchen

Oft wird über Verantwortung gesprochen, als gäbe es davon nur eine begrenzte Menge. Wenn Deutschland Verantwortung trägt, scheinen islamistische Akteure automatisch entlastet zu sein. Wenn muslimische Organisationen kritisiert werden, glaubt man, nicht mehr über Rassismus sprechen zu können. Das ist Unsinn.

Verantwortung ist kein Kuchen, von dem jeder nur ein kleines Stück erhalten kann.

Islamistische Organisationen tragen Verantwortung für die Verbreitung ihrer Ideologie. Moscheegemeinden und Verbände müssen sich fragen lassen, welchen Predigern, Büchern und Gelehrten sie Raum gegeben haben.

Der deutsche Staat muss sich fragen lassen, warum er diese Entwicklungen über Jahrzehnte kaum ernst nahm und muslimisches Leben teilweise an ausländische Regierungen und politisch-religiöse Organisationen delegierte.

Und die Mehrheitsgesellschaft muss sich fragen lassen, welches Bild sie muslimischen Kindern von sich selbst vermittelte.

Keine dieser Fragen hebt die andere auf.

Nicht jede konservative Haltung ist Islamismus

Trotzdem müssen wir sauber unterscheiden. Nicht jeder gläubige oder konservative Muslim ist Islamist. Nicht jeder Mensch, der nach strengen religiösen Regeln lebt, möchte einen religiösen Staat errichten. Religionsfreiheit bedeutet auch, dass ein Mensch für sich selbst konservativ oder orthodox leben darf.

Islamismus beginnt dort, wo aus dem persönlichen Glauben ein politischer und gesellschaftlicher Herrschaftsanspruch wird. Dort, wo nicht mehr nur gesagt wird: Ich möchte nach diesen Regeln leben. Sondern: Alle Menschen sollen nach diesen Regeln leben, auch wenn sie diese Religion nicht teilen, widersprechen oder anders leben möchten.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied.

Religionsfreiheit schützt das Recht eines Menschen, konservativ zu glauben. Sie schützt aber nicht den Anspruch, anderen Menschen die eigenen religiösen Regeln aufzuzwingen.

Was Deutschland daraus lernen muss

Die Antwort kann nicht darin bestehen, dass der Staat Muslimen eine gewünschte Religion vorgibt. Ein demokratischer Staat darf keine Theologie verordnen und nicht bestimmen, was der richtige Islam ist.

Er darf und muss aber fragen, welche politischen Vorstellungen Organisationen vertreten, wie sie finanziert werden und welche Abhängigkeiten von ausländischen Staaten oder internationalen Netzwerken bestehen.

Er muss hinschauen, wenn Kindern und Jugendlichen vermittelt wird, demokratische Gesetze seien weniger wert als religiöse Regeln oder Menschen hätten aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung nicht dieselben Rechte.

Gleichzeitig braucht es echte Alternativen. Es braucht deutschsprachige religiöse Bildung, unabhängige Ansprechpartner und Räume, in denen junge Menschen über Religion, Zweifel, Rassismus, Sexualität und Identität sprechen können, ohne sofort als schlechte Muslime oder als nicht integrierte Migranten zu gelten.

Ein junger Mensch sollte sich nicht zwischen zwei Botschaften entscheiden müssen:

Du gehörst aufgrund deiner Herkunft nicht zu Deutschland.

Oder:

Du gehörst aufgrund deiner Religion nicht zu Deutschland.

Beide Botschaften führen in eine Sackgasse.

Wir müssen eine andere Frage stellen

Vielleicht stellen wir seit Jahrzehnten die falsche Frage.

Nicht: Warum haben Migranten den Islamismus nach Deutschland gebracht?

Sondern: Warum konnten organisierte islamistische Akteure in Teilen migrantischer Communitys so viel Einfluss gewinnen?

Die Antwort darauf ist kompliziert. Sie hat mit politischen Entwicklungen im Nahen Osten, mit Exilnetzwerken und mit religiösem Wissen als Machtinstrument zu tun. Sie hat aber auch mit einer deutschen Gastarbeiterpolitik zu tun, die dauerhaft bleibende Menschen nicht als Teil dieses Landes betrachtete.

Sie hat mit fehlenden religiösen Alternativen, gesellschaftlicher Ausgrenzung und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu tun. Gleichzeitig geht es um Entscheidungen innerhalb muslimischer Gemeinden und um die viel zu selten geführte Debatte darüber, wer religiöse Autorität besitzt und welche politischen Vorstellungen damit verbunden sind.

Keine einzelne Erklärung reicht aus.

Aber gemeinsam ergeben sie ein Bild.

Mein Vater war nicht das Problem

Mein Vater kam 1963 nach Deutschland. Er kam nicht, um dieses Land zu islamisieren. Er kam, weil Deutschland Arbeiter brauchte.

Er war auch kein leeres Gefäß, das willenlos von anderen Menschen gefüllt wurde. Er war ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, eigenen Überzeugungen und eigener Würde.

Aber Deutschland sah in ihm zunächst vor allem den Arbeiter. Andere sahen in ihm den Muslim.

Während dieses Land ihm kaum erklärte, wie er und seine Kinder dauerhaft dazugehören konnten, boten religiöse Akteure klare Antworten an. Manche gaben Gemeinschaft, Orientierung und Halt. Andere verbanden diese Gemeinschaft mit einer politischen Ideologie.

Genau diese Unterschiede müssen wir sichtbar machen.

Islamismus liegt nicht im Blut. Er liegt nicht in einem arabischen, türkischen oder marokkanischen Namen. Er entsteht dort, wo religiöse Überzeugungen politisch absolut gesetzt werden, wo organisierte Akteure Deutungshoheit gewinnen und wo Menschen eingeredet wird, sie müssten sich zwischen ihrer Religion und einer freien Gesellschaft entscheiden.

Wer Islamismus bekämpfen will, muss deshalb seine Ideen, Organisationen und Strategien kritisieren nicht die Herkunft der Menschen.

Wer gleichzeitig verhindern möchte, dass islamistische Identitätsangebote glaubwürdig wirken, muss Menschen aber auch vermitteln, dass sie tatsächlich zu diesem Land gehören.

Denn wer einem Menschen keine Zugehörigkeit anbietet, macht ihn nicht automatisch zum Islamisten. Aber er macht das Angebot derjenigen stärker, die behaupten:

Du wirst dort niemals dazugehören. Komm zu uns.


Quellen und weiterführende Literatur

[1] Bundeszentrale für politische Bildung:
„Geschichte der Migration nach und aus Deutschland“ sowie Beiträge zu den Anwerbeabkommen und zur lange vertretenen politischen Position, Deutschland sei kein Einwanderungsland.

[2] Bundeszentrale für politische Bildung:
„Die Muslimbruderschaft in Deutschland“ sowie „Die Muslimbruderschaft“. Darin finden sich Informationen zu Said Ramadan, Issam al-Attar und den frühen Strukturen in München und Aachen.

[3] Bundeszentrale für politische Bildung:
„2. Februar 1982: Das Massaker von Hama in Syrien“ sowie „Syrien: Ein historischer Überblick“.

[4] Bundeszentrale für politische Bildung:
„Muslimische Institutionen und Moscheegemeinden“ – zur religiösen, sozialen und gemeinschaftlichen Funktion von Moscheegemeinden.

[5] Rauf Ceylan und Michael Kiefer:
„Islampolitik in Deutschland – Geschichte, Debatten, Institutionen“, veröffentlicht in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung.

[6] Bundesamt für Verfassungsschutz:
„Islamismus – Begriff und Erscheinungsformen“ – zur Definition des Islamismus und zur Unterscheidung unterschiedlicher islamistischer Strömungen.

Weitere Quelle:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: „Islamisches Gemeindeleben in Deutschland“ – zur Vielfalt muslimischer Gemeinden, religiöser Ausrichtungen und Organisationsformen.

Hinweis

Dieser Beitrag verbindet persönliche Erinnerungen und Erfahrungen mit historischen und wissenschaftlichen Quellen. Er beschreibt keine einheitliche Geschichte aller Gastarbeiter, Geflüchteten, Moscheegemeinden oder muslimischen Menschen in Deutschland.

Muslimisches Leben in Deutschland ist vielfältig. Die Aussagen zur islamistischen Einflussnahme beziehen sich auf konkrete Organisationen, Netzwerke und Ideologien und dürfen nicht pauschal auf muslimische oder migrantische Communitys übertragen werden.

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