Regenbogenflaggen im Regen als Symbol für die LGBTQ+-Community

Queerfeindlichkeit beginnt nicht erst beim Anschlag

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD standen viele Fragen im Raum. Neben der Tat selbst lohnt sich auch ein Blick auf die unterschiedlichen Reaktionen aus muslimischen Milieus und auf die gesellschaftliche Debatte darüber. Dieser Beitrag plädiert für Ehrlichkeit statt Selbstinszenierung und dafür, zwischen Islam, Islamismus und traditionellen religiösen Lehren sauber zu unterscheiden.

Nach dem Anschlag

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD waren sehr unterschiedliche Reaktionen aus muslimischen Kreisen zu beobachten.

Auf der einen Seite stehen offen menschenfeindliche Stimmen. Menschen wie Hanna Hansen veröffentlichten unmittelbar danach Beiträge über den Propheten Lut, über „Finsternis“ und die Aufforderung: „Kehrt zurück.“

Reaktion 1: Religiöse Mahnung unmittelbar nach dem Anschlag

Hanna Hansen Story Instagram zeigt Shahada Flagge - mit der Mahnung "kehrt zurück" und dem Hinweis auf die Propheten Geschichte von Mut
Abbildung 1: Öffentliche Instagram-Story von Hannah Hansen, veröffentlicht wenige Stunden nach dem Berliner CSD-Anschlag. Die Story verweist auf die Geschichte Lots und enthält einen Aufruf zur Umkehr. Der zeitliche Zusammenhang mit dem Anschlag ist dokumentiert; welche Aussage die Story in Bezug auf die Tat treffen sollte, bleibt Gegenstand der Einordnung des Autors.

Für mich wirkt eine solche Story am Tag nach einem Anschlag auf queere Menschen nicht wie eine zufällige religiöse Erinnerung. Sie transportiert zumindest die Botschaft, dass queeres Leben als Verirrung, moralischer Verfall und göttlich zu bestrafendes Übel verstanden wird.

Ob damit ausdrücklich der konkrete Anschlag begrüßt werden sollte, lässt sich allein anhand einer Story nicht beweisen. Aber Zeitpunkt und Botschaft sprechen für sich. Wer nach einer solchen Tat nicht zuerst Mitgefühl mit den Opfern zeigt, sondern die Geschichte von Lut als Warnung verbreitet, muss sich Kritik gefallen lassen.

Reaktion 2: Progressive islamische Gegenposition

Auf der anderen Seite gibt es muslimische Stimmen, die erklären, gerade ihr islamischer Glaube verpflichte sie dazu, sich für queere Menschen und ihre Rechte einzusetzen.

Abbildung 2: Öffentlicher Instagram-Beitrag von parua.e. Der Beitrag vertritt eine progressive islamische Position und begründet den Einsatz für die Rechte queerer Menschen ausdrücklich religiös.

Natürlich dürfen Musliminnen und Muslime ihren Glauben so verstehen. Es gibt progressive, liberale und queerfreundliche Auslegungen des Islams.

Unehrlich wird es jedoch, wenn so getan wird, als sei diese Position die selbstverständliche Haltung der traditionellen islamischen Lehre.

Das ist sie nicht.


Was in der öffentlichen Debatte oft fehlt

Nach den klassischen und bis heute vorherrschenden sunnitischen und schiitischen Rechtsauffassungen gelten gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen als haram und werden überwiegend den schweren Sünden (Kabāʾir) zugerechnet.

Dabei wird häufig zwischen homosexuellen Gefühlen und dem tatsächlichen Ausleben unterschieden. Die Empfindung allein wird nicht zwangsläufig als Sünde bewertet. Das Eingehen und öffentliche Ausleben einer gleichgeschlechtlichen Beziehung hingegen schon.

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges islamisches Prinzip: das Gute gebieten und das Schlechte verbieten.

In einer bekannten Überlieferung heißt es sinngemäß, ein Muslim solle etwas Verwerfliches, das er sieht, mit der Hand verändern. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, solle er es mit der Zunge verurteilen. Und wenn auch das nicht möglich ist, müsse er es zumindest im Herzen ablehnen. Dies sei die schwächste Form des Glaubens. (Sahih Muslim, Hadith Nr. 49; an-Nawawi, 40 Hadithe, Nr. 34)

Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass jeder Muslim Gewalt anwenden darf. Auch innerhalb der islamischen Rechtslehre gibt es Diskussionen über Zuständigkeit, Grenzen und die Vermeidung größeren Schadens. (vgl. Muslims for Progressive Values; Equal Rights Trust, Islamic Law and Same-Sex Sexuality)

Aber der Kern bleibt: Wer gelebte Homosexualität als schweres religiöses Übel betrachtet, wird nicht dazu aufgefordert, sie vorbehaltlos zu akzeptieren. Er wird mindestens dazu angehalten, sich innerlich davon zu distanzieren – und je nach eigener religiöser Auffassung auch verbal dagegen vorzugehen.

Genau diese Realität fehlt mir in vielen öffentlichen Debatten.


Die meisten Muslime sind keine Gewalttäter

Gott sei Dank wird die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland niemals einen Anschlag begehen oder körperliche Gewalt gegen queere Menschen ausüben.

Das muss klar gesagt werden.

Aber ebenso klar muss gesagt werden: Keine Gewalt anzuwenden ist noch keine Akzeptanz.

Es gibt einen großen Bereich zwischen Terrorismus und echter Gleichberechtigung. In diesem Bereich finden sich abwertende Sprüche, religiöse Belehrungen, Mobbing, familiäre Ausgrenzung, Beschämung, Kontaktabbrüche oder die Aufforderung, die eigene Sexualität zu verbergen.

Viele Menschen würden niemals selbst zuschlagen.

Aber würden sie einschreiten, wenn ein homosexueller Mensch in ihrer Familie, ihrem Freundeskreis oder ihrer Moscheegemeinde beleidigt wird?

Würden sie sich offen vor ihn stellen?

Oder würden sie schweigen, weil sie die grundsätzliche Ablehnung teilen?

Genau dort liegt das eigentliche Problem.


Nach außen weltoffen, nach innen ablehnend

Nach Anschlägen oder anderen schrecklichen Ereignissen hört man oft Sätze wie:

„Wir Muslime sind weltoffen.“

„Der Islam steht für Toleranz.“

„Das hat nichts mit unserer Religion zu tun.“

Manche meinen diese Solidarität ehrlich. Das möchte ich niemandem pauschal absprechen.

Reaktion 3: Verurteilung des Anschlags durch Berliner Imame

Abbildung 3: Stellungnahme des Rates Berliner Imame nach dem Berliner CSD-Anschlag. Die Erklärung verurteilt Terrorismus und Gewalt eindeutig und spricht den Tätern jede religiöse Legitimation ab. Sie nimmt jedoch keine Position zur traditionellen islamischen Bewertung homosexueller Handlungen ein.

Aber ich bin selbst in muslimischen Milieus aufgewachsen. Ich kenne nicht nur die öffentlichen Stellungnahmen, sondern auch die Gespräche innerhalb von Familien, Freundeskreisen und Gemeinden.

Und dort wird häufig ganz anders über queere Menschen gesprochen.

Nach außen präsentiert man sich tolerant und weltoffen.

Nach innen gelten Homosexuelle nicht selten als krank, verdorben, vom Teufel beeinflusst oder als Zeichen des moralischen Niedergangs.

Diese Kluft muss benannt werden.

Ein einfaches Gedankenexperiment zeigt das Problem:

Wie würde ein offen homosexueller Mann, ein gleichgeschlechtliches Paar oder eine Dragqueen bei einem gewöhnlichen Freitagsgebet in einer klassischen Moschee in Deutschland behandelt?

Könnte diese Person dort selbstverständlich sitzen, ohne angestarrt, belehrt oder angefeindet zu werden?

Könnte sie offen über ihre Beziehung sprechen?

Würde sie als gleichwertiger Teil der Gemeinde akzeptiert?

In sehr vielen klassischen Moscheen wäre das kaum vorstellbar.


Progressive Moscheen sind nicht der Mainstream

Oft werden als Gegenbeispiel liberale Projekte wie die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee genannt. (vgl. Reuters, 2017; Religion News Service, 2017)

Dort beten Frauen und Männer gemeinsam, queere Menschen werden ausdrücklich willkommen geheißen und traditionelle Rollenbilder werden infrage gestellt.

Aber genau der Umgang mit solchen Gemeinden zeigt, wie wenig ihre Position dem muslimischen Mainstream entspricht.

Sie werden von zahlreichen konservativen islamischen Akteuren und Institutionen nicht als legitime Vertretung der traditionellen islamischen Lehre anerkannt. Ihnen wird vorgeworfen, den Islam zu verfälschen, sich dem Westen anzupassen oder sogar den Glauben verlassen zu haben.

Man kann deshalb nicht einerseits auf progressive Moscheen verweisen und andererseits verschweigen, dass diese von großen Teilen der muslimischen Community abgelehnt werden.


Das Problem beginnt nicht beim Islamisten

Queerfeindlichkeit beginnt nicht erst dort, wo ein islamistischer Terrorist in eine Menschenmenge fährt.

Der Terrorist ist die brutalste und mörderischste Zuspitzung eines Problems, das vorher schon existiert.

Die Ablehnung beginnt dort, wo queeres Leben als schwere Sünde bezeichnet wird.

Sie setzt sich fort, wenn Menschen glauben, sie müssten diese „Sünde“ bekämpfen, verurteilen oder wenigstens gesellschaftlich unsichtbar machen.

Das bedeutet nicht, dass jeder konservative Muslim ein potenzieller Terrorist ist.

Eine solche Behauptung wäre falsch und gefährlich.

Aber es bedeutet, dass der Terrorist seine Feindbilder nicht aus dem Nichts erschafft.

Er radikalisiert religiöse Vorstellungen, die in milderer Form auch außerhalb des Islamismus verbreitet sind.

Das Problem nur auf Islamisten zu schieben, ist deshalb zu bequem. Es entlastet den religiösen Mainstream von jeder Selbstkritik.


Trotzdem darf die Antwort kein Muslimhass sein

Die Lösung kann nicht darin bestehen, den Islam pauschal zu verbieten, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen oder muslimische Menschen auszugrenzen.

Das wäre nicht nur ungerecht, sondern würde das Problem wahrscheinlich sogar verschärfen.

Viele gläubige Muslime befinden sich in einem echten inneren Konflikt.

Sie wachsen mit der Vorstellung auf, bestimmte Handlungen seien schwere Sünden. Ihnen wird vermittelt, dass sie Gott verraten oder selbst in die Hölle kommen könnten, wenn sie etwas akzeptieren, das ihre Religion verbietet.

Wer diese Angst nicht versteht, wird diese Menschen kaum erreichen.

Muslime brauchen deshalb Möglichkeiten, ihr Denken zu erweitern, ohne sofort das Gefühl zu bekommen, ihre gesamte Identität, ihre Familie oder ihren Glauben aufgeben zu müssen.

Dazu gehören theologische Debatten, historische Einordnungen und die Frage, ob religiöse Texte aus der Spätantike unverändert auf eine moderne pluralistische Gesellschaft übertragen werden können.

Es muss möglich sein, zu sagen:

Ich muss eine Lebensweise religiös nicht für mich übernehmen, um die Menschenwürde, Freiheit und gleichen Rechte anderer konsequent zu verteidigen.

Aber es muss ebenso möglich sein, traditionelle Lehren kritisch zu hinterfragen.

Denn solange gelebte Homosexualität als schweres moralisches Übel betrachtet wird, bleibt echte Gleichberechtigung fragil.


Ehrlichkeit statt Selbstinszenierung

Was wir nach dem Anschlag brauchen, ist keine religiöse Imagekampagne.

Wir brauchen Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit darüber, dass es offen extremistische Reaktionen gibt.

Ehrlichkeit darüber, dass progressive muslimische Stimmen existieren, aber bisher nicht den theologischen Mainstream vertreten.

Und Ehrlichkeit darüber, dass Queerfeindlichkeit in muslimischen Milieus nicht erst mit Terrorismus beginnt.

Sie beginnt im Alltag. In Familien. In Predigten. In WhatsApp-Gruppen. In Schulhöfen. In Moscheen.

Und überall dort, wo Menschen zwar keinen Anschlag begehen würden, aber trotzdem wegsehen, wenn queere Menschen gedemütigt und ausgegrenzt werden.

Glaubwürdige Solidarität zeigt sich nicht nur darin, nach einem Anschlag ein Regenbogensymbol zu posten.

Sie zeigt sich darin, ob man bereit ist, auch im eigenen Milieu Tacheles zu reden.

Methodischer Hinweis

Dieser Beitrag verbindet persönliche Beobachtungen des Autors mit religiösen Primärquellen, wissenschaftlicher Literatur und journalistischer Berichterstattung. Aussagen über den Islam beziehen sich – sofern nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet – auf klassische und bis heute weit verbreitete sunnitische und schiitische Rechtsauffassungen. Sie beschreiben weder die Überzeugungen aller Musliminnen und Muslime noch stellen sie eine Bewertung einzelner Personen oder Gemeinden dar. Persönliche Einschätzungen und Wertungen des Autors sind im Text als solche erkennbar.

Quellen und weiterführende Hinweise

Polizei Berlin: „Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day“, gemeinsame Mitteilung von Polizei und Generalstaatsanwaltschaft Berlin zum Anschlag vom 25. Juli 2026.

Reuters (23.06.2017): Germany condemns Turkish criticism of Berlin’s new liberal mosque.

Religion News Service (29.06.2017): A progressive German mosque draws condemnation at home and abroad.

Sahih Muslim, Hadith Nr. 49: Wer unter euch etwas Verwerfliches sieht, soll es mit seiner Hand ändern; wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seiner Zunge; und wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seinem Herzen. Das ist die schwächste Form des Glaubens.

Reuters (23.06.2017): Germany condemns Turkish criticism of Berlin’s new liberal mosque.
Reuters-Artikel

Religion News Service (29.06.2017): A progressive German mosque draws condemnation at home and abroad.

BAMF – Forschungszentrum: Muslimisches Leben in Deutschland 2020 – Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen.

Reuters (26.07.2026): Berlin Pride parade attack – Berichterstattung zum Anschlag auf den Berliner CSD.

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Ein Kommentar

  1. Stark, du sprichst nicht nur von der Spitze des Eisbergs, sondern beschreibst, wo das Problem beginnt und das im Grunde jeder schon im kleinen, unspektakulären Rahmen seinen Beitrag für mehr Gleichberechtigung leisten kann. Es sind eben die kleinen Dinge, die was Großes bewirken oder ausrichten können. Danke

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